Skepsis

Die Wissenschaft lebt vom Zweifel – das Pharmamarketing vom Glauben.

Das Lob des Zweifels begann mit René Descartes (1596-1650). Er war überzeugt, dass ohne Zweifeln keine Erkenntnis möglich sei –was ihn im Zeitalter der Glaubenskriege immer wieder in Lebensgefahr brachte. Erst mit der Aufklärung setzte sich das Prinzip der Skepsis als Motor der Wissenschaft durch. Karl Popper (1902-1994) entwickelte die moderne Wissenschaftstheorie des kritischen Rationalismus.  Danach gibt es keine erwiesenen Wahrheiten, sondern lediglich Hypothesen, die durch widersprechende Beobachtungen falsifiziert werden können. Wissenschaftlicher Fortschritt beruht demnach nicht auf Bestätigung, sondern auf Widerlegung. Ein Wissenschaftler müsse daher immer eine kritische Haltung gegenüber eigenen und fremden Ergebnissen einnehmen.

Auch in der wissenschaftlichen Medizin wirkt der Geist der kritischen Rationalität, etwa in den randomisierten und verblindeten klinischen Studien zur Arzneimittelprüfung, im Peer-Review-Verfahren zur Begutachtung von Artikeln und in Diskussionsforen wie den PubMed Commons.

Wenn kommerziell ausgerichtete Akteure wie die Pharma- oder Medizingeräteindustrie Einfluss auf den wissenschaftlichen Prozess gewinnen, ist es vorbei mit der Skepsis. Ein Blick auf die Industriesymposien bei medizinischen Kongressen genügt: Im Kleide der Wissenschaftlichkeit werden Wunschergebnisse für neue Medikamente präsentiert und lancierte Artikel aus renommierten Journalen zitiert. Das ärztliche Publikum lauscht den Vorträgen der „Meinungsführer“, ohne kritische Fragen zu stellen. Alles Abwägen, Einschränken und Argumentieren weicht einer willigen Gläubigkeit. Eine Zeitreise ins mentale Mittelalter. Wir stehen ganz am Anfang.1

  1. Gerd Gigerenzer. Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berlin Verlag, 2009.