Marketing-basierte Medizin

Wer hat die Fäden in der Hand?

Überall bekennen sich Ärzte heute zur Evidenz-basierten Medizin, deren zentrales Anliegen die unabhängige wissenschaftliche Bewertung von Therapieverfahren ist. Die pharmazeutische Industrie hat dieses Paradigma übernommen, damit ihre Medikamente zugelassen und von der Ärzteschaft akzeptiert werden. Allerdings schmälert die Evidenz-basierte Medizin die Ertragschancen der Industrie, da nur ein Bruchteil der neuen patentgeschützten Präparate eine echte Verbesserung gegenüber älteren Medikamenten bringt (Innovation). Daher werden schon die klinischen Prüfungen von der Frage mitbestimmt: Wie können wir unser Produkt vorteilhaft aussehen lassen?

Die zum Standard gewordenen verblindeten randomisierten Studien lassen sich durch vielerlei Tricks beeinflussen: Testung gegen Placebo statt gegen aktive Kontrollen, Unterdosierung der Vergleichssubstanz, Verwendung von Surrogatendpunkten, Studienabbruch zu einem günstigen Zeitpunkt, Aufblähen geringer Vorteile, indem die relative statt der absoluten Risikoreduktion dargestellt wird, Nicht-Erfassen oder Verschweigen von Nebenwirkungen, Unterdrückung negativer Studien (Publication Bias) und Ghostwriting von Originalarbeiten durch beauftragte Agenturen. Dass Industrie-finanzierte Studien häufiger erwünschte Ergebnisse liefern als unabhängige, wurde vielfach nachgewiesen (Industriebias).

Nach der Zulassung geht es dann darum, das neue Medikament als echten Fortschritt in den Köpfen der Ärzte zu verankern. Mit reichlicher Verspätung werden nun die Nachteile der Vorgängersubstanz thematisiert. Meinungsführer lenken mit Powerpoint- Folien der Firma Aufmerksamkeit auf die zu behandelnde Krankheit und die überlegenen neuen Therapiemöglichkeiten. Das Marketing plaziert Übersichtsarbeiten aus Geisterhand mit Therapieempfehlungen in möglichst vielen hochrangigen Journalen.

Die Kernbotschaften werden in pseudowissenschaftlichem Werbesprech gestreut, die mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit der Substanz nichts zu tun haben, etwa „Überlegenheit durch duales Wirkprinzip“. Über gut honorierte Anwendungsbeobachtungen wird die Ärzteschaft mit dem Neuzugang vertraut gemacht. Oberstes Ziel der Marketingkampagnen ist es, eine irrationale Erregungswelle zu erzeugen, die das Medikament zum Blockbuster macht. Dass dieses Kalkül aufgeht und die Evidenz-basierte Medizin ins Hintertreffen gerät, beweisen wir Jahr für Jahr mit unserem Verordnungsverhalten.2

  1. Sismondo S. Ghost management: How much of the medical literature is shaped behind the scenes by the pharmaceutical industry? PLoS Med 2007; 4(9):e286.
  2. Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.). Arzneiverordnungsreport 2012. Springer, Heidelberg 2012.